Kleine (Vor-) Geschichte der "Budenheim 1"

Die "Budenheim 1" wurde im Jahre 1911 auf der Schiffswerft Mainz-Gustavsburg gebaut, vermutlich als Schleppleichter, wie in diesen Tagen üblich.

Über die Eigentumsverhältnisse lässt sich nichts mehr in Erfahrung bringen, auch nicht darüber, wo und mit welchen Frachten das Fahrzeug eingesetzt wurde. Als Länge führt das Register (Internationale Vereinigung Rheinschiffahrtsregister, Rotterdam) 42,72 m, als größte Breite 6,04 m auf.

Angaben zur Verdrängung fehlen; die Tragfähigkeit wird bei weniger als 300 Tonnen gelegen haben. Gemäß vorhandener Merkmale (siehe unten) handelte es sich um einen gedeckten Rumpf mit Ladeluk und flachem Luksüll. Weitere Einzelheiten zur Schiffsgeschichte setzen erst wieder für die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg ein.

Der alte, womöglich auf die Vorkriegszeit zurückgehende Schiffsname war "Babette"; das wird mit der Vorliebe an französischen Namen im Mainzer Raum zu erklären sein.

1954 fand eine Instandsetzung ("repair") statt. Ob sich die Reparaturmaßnahmen auf die Beseitigung von Kriegsschäden erstreckten, ist ungewiss. In dieser Zeit fanden jedoch auch strukturelle Veränderungen statt:

So wurde das ältere, in den Laderäumen heute noch sichtbare Seitendeck, durch ein höher gelegtes, gleichermaßen vernietetes ersetzt, d.h. der Rumpf erhielt eine größere Raumtiefe. Der Umbau dürfte mit dem Einsatz der "Babette" als Schlepp(?)leichter (Schubverkehr kam erst um 1957 am Niederrhein auf) durch die "Bonner Basaltwerke" im Zusammenhang gestanden haben, die aus dem Budenheimer! Bruch gewonnenes Steinmaterial im Kabotage-Verkehr von einer lokalen Umschlagstelle aus talwärts verfrachtet haben.

Die 1963 erfolgte Registrierung unter "Allemand 281 Mainz" wurde durch die Chemische Fabrik AG Budenheim veranlasst, die noch zwei weitere Frachter ("Budenheim 2" und "Budenheim 3") unterhielt. Dem Schiff wurde der Name "Budenheim 1" zugeteilt.

Wie auch das heute in der Gaststätte neben dem Tresen montierte Messingschild einer Hamburger Werft und Maschinenfabrik darlegt, erhielt "Budenheim 1" im gleichen Jahr seinen einwelligen Dieselantrieb und fuhr als Behälterschiff für Chemikalien.

Beim Umbau zum Selbstfahrer im Jahre 1963 kamen die heute nicht mehr vorhandene Brücke, die Doppelruderanlage und Hilfsaggregate hinzu. Wie die verschweißte Beplattung an Bug und Heck erkennen lassen, entspricht der Rumpf bei weitem nicht mehr dem ursprünglichen Erscheinungsbild aus der spätwilhelminischen Epoche.

Namentlich das weit nach achtern ausfallende, überhängende Heck geht auf die Modernisierung zurück. Der Rumpf wurde dadurch auch in der Länge verändert. Dennoch ist der Hulk das für ein stählernes Binnenschiff gar nicht so ungewöhnlich hohe Alter noch immer umrisshaft anzusehen:

Die in der Mittelsektion und vorne sichtbaren originären Platten und Kantprofile sind genietet, der unter einer nachträglich aufgeschweißten Dopplung verborgene Vorsteven scheint lotrecht zu sein. Über die rund zwei Jahrzehnte dauernde Phase im Dienst der Chemischen Fabrik Budenheim läßt sich derzeit nichts in Erfahrung bringen, nicht einmal, wann genau "Budenheim 1" stillgelegt worden ist.

Wie aus der Festschrift des MYC zum 25-jährigen Bestehen hervorgeht, wurde das Schiff in den Achtziger Jahren nach Entfernung der Antriebsanlage angekauft und als schwimmendes Clubheim umgebaut. Instandgehalten vom Motoryachtclub Bingen hat "Budenheim 1" das dritte Millennium erreicht und feierte 2011 ihren einhundertjährigen Geburtstag.

Text: Dr. Ronald Bockius